Kommentar · Stand 14. Oktober 2026, mittags. In der Nacht auf Mittwoch traf ein russischer Angriff erneut Kyjiw. Die Stadtverwaltung meldete um 08.47 Uhr drei Tote und 32 Verletzte, darunter ein achtjähriges Kind. Wohnhäuser, eine Schule und weitere Gebäude wurden beschädigt. Nach Angaben des ukrainischen Präsidialamts schlug eine Rakete auch auf dem Gelände einer wichtigen Energieanlage ein. Die Opferzahlen sind eine Momentaufnahme; sie können sich noch ändern.

Besonders beunruhigend ist die Frage der Vorwarnung. Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, die Ukraine habe in dieser Woche bei zwei Angriffen mit ballistischen Raketen keine rechtzeitige Warnung ihrer Partner erhalten. Das bedeutet jedoch nicht, dass die USA sämtliche Aufklärungsdaten zurückhalten. US-Präsident Donald Trump sagte am 13. Oktober ausdrücklich, die Informationsweitergabe laufe weiter. Warum die konkreten Warnungen ausblieben, ist öffentlich nicht geklärt. Eine verlässliche Frühwarnung kann Menschen Zeit geben, Schutz zu suchen und Abwehrmassnahmen einzuleiten.

Das Leid reicht weit über die Hauptstadt hinaus. Die UNO hatte bis Mitte 2026 in der Ukraine mindestens 16’431 getötete und 48’613 verletzte Zivilpersonen verifiziert; die tatsächlichen Zahlen dürften höher sein. Ein im September veröffentlichter UNO-Bericht dokumentierte zudem 1’004 Fälle konfliktbezogener sexualisierter Gewalt seit Beginn des umfassenden Angriffs bis Ende Juli 2026. Davon ordnete er 89 Prozent russischen Behörden und ihren Angehörigen zu. Diese Befunde verlangen Schutz für die Betroffenen, unabhängige Ermittlungen und Strafverfolgung.

Auch die Soldaten dürfen in der Trauer um zivile Opfer nicht verschwinden. Das Forschungsinstitut CSIS schätzte Anfang Juli, dass bis Juni 2026 zwischen 400’000 und 450’000 russische sowie zwischen 125’000 und 150’000 ukrainische Soldaten getötet worden seien. Es handelt sich um Schätzungen; die zivilen UNO-Zahlen sind verifizierte Mindestzahlen. Ein genauer Quotient wäre daher unseriös. Die militärischen Todeszahlen liegen der Grössenordnung nach jedoch um ein Vielfaches höher.

Ein Soldat ist zuerst ein Mensch: Sohn oder Tochter, Partnerin oder Partner, Mutter oder Vater. Ukrainische Soldaten verteidigen ihr Land gegen einen Angriff, den sie nicht gewählt haben. Auch viele russische Soldaten stünden ohne die Entscheidungen ihrer politischen Führung heute nicht an dieser Front. Ihr Tod mindert weder Russlands Verantwortung für den Angriffskrieg noch hebt er die persönliche Verantwortung derjenigen auf, die Verbrechen begehen. Angehörige auf beiden Seiten tragen eine Trauer, die in keiner militärischen Statistik aufgeht.

Die politische Verantwortung für diesen Krieg liegt bei Russland. Die Ukraine hat Russland nicht überfallen. Die russische Führung könnte die Angriffe sofort einstellen und ihre Truppen aus ukrainischem Staatsgebiet zurückziehen. Ein Ende des Beschusses würde unmittelbar Leben retten; ein gerechter und dauerhafter Frieden verlangt darüber hinaus das Ende der Besetzung. Die Ukraine darf nicht unter dem Druck weiterer Angriffe zur Preisgabe ihrer Sicherheit gezwungen werden.

Die Schweiz und ihre Partner sollten die Ukraine deshalb verlässlich unterstützen: mit humanitärer Versorgung, Schutz für Geflüchtete, Hilfe bei der Reparatur von Strom- und Heizungsanlagen, Minenräumung und der Aufklärung schwerer Verbrechen. Wer Frieden will, muss die Menschen schützen, die diesen Krieg überleben müssen – in ihren Wohnungen, auf der Flucht und an der Front.